May 062010
 

All diese Menschen kotzen mich an!

Diese fadenscheinig ausdruckslosen Gesichter schreien mit ihren abwesenden Blicken förmlich nach Aufmerksamkeit. Und doch ignoriert man sich. Landet der Blick zufällig in den Augen eines entgegenkommenden, wird sofort beschämt weggeblickt.
Ich stehe auf diesem Bürgersteig einer Stadt, dessen Namen ich vergessen, ach was, verdrängt habe, und bin angewidert – angewidert von all diesen sinnentleerten Gestalten und ihren scheinbar wichtigen Tagesgeschäften. Wo eilen sie überhaupt dermaßen gezwungen Geschäftigkeit ausstrahlend hin? Jeder scheint zu denken seine Tätigkeit wäre dermaßen wichtig, dass er die Menschen, mit denen er den Weg teilt, nur noch als Hindernisse auf seinem Weg ansehen kann. Es wird gerempelt und geschubst, was die Ellenbogen hergeben und wenn ein Anderer  mal zu langsam erscheint, wird er prompt überholt und weiter zurückgeworfen. Alles hier gleicht eher einem Schlachtfeld als einer normalen Fußgängerzone.
Doch eins fehlt, um das Schlachtfeld zu vervollständigen. Blut!
Ich suche mir das nächstbeste Gesicht, dass mich ausreichend ankotzt, und schlage direkt rein. Meine geballte rechte Faust trifft direkt auf die Nase, welche ein unangenehmes Knacken hören lässt. Sofort ziehe ich die Linke nach mitten auf seine Schläfe. Erstes Blut benetzt meine Hände, doch ich lasse mich davon nicht stören und schlage weiter auf ihn ein.
Der Mann ist unter meinen Schlägen sofort auf den Boden gestürzt, was mich aber noch lange nicht dazu bringt aufzuhören. Im Gegenteil beuge ich mich über ihn und lasse weiter Schläge auf ihn niederprasseln. Er hat schon versucht sich zu wehren, die Arme vor das Gesicht zu heben, doch das kann mich nicht aufhalten.
Innerlich bin ich beinahe emotionslos, doch um den Passanten eine gute Show zu liefern, lasse ich meinen Blick vor Hass überschwellen. Ich fange sogar an zu schreien, kriege aber nicht mit was.
Schlag für Schlag mache ich das namenlose Gesicht weiter unkenntlich und schaue dabei zu, wie das Blut auf den Gehweg spritzt.
Erste Passanten sind stehen geblieben, aber bisher hat sich keiner getraut einzugreifen. Diese ignoranten Arschlöcher schauen nur entsetzt und einige bleiben nicht mal stehen, sondern gehen nur kopfschüttelnd weiter.
Plötzlich legen sich zwei Hände auf meine Schultern und versuchen mich zurückzuziehen, doch ich lasse mich nur kurz unterbrechen, schwinge den Ellenbogen hinter mich und treffe irgendwas Hartes, worauf die Hände sofort loslassen und ich mich wieder Wichtigeren zuwenden kann.
Glauben die wirklich, dass einer allein mich davon abhalten kann, weiter dieses Gesicht zu zertrümmern? Nur eine einzige Person hat sich scheinbar verantwortlich gefühlt, dem Mann unter mir, der kaum noch als solcher zu erkennen ist, zu helfen. Die anderen Gaffer starren weiterhin entsetzt auf das wohl grausam anzusehende Spektakel. Doch keiner rührt auch nur einem Finger.
Der Mann unter mir hat mittlerweile aufgehört sich zu bewegen und nur ab und zu sind stöhnende Laute zu vernehmen. Jegliche Abwehr hat ausgesetzt und falls der Mann überhaupt noch bei Bewusstsein ist, dürfte er durch den Blutschleier auf seinen Augen nicht viel erkennen können. Ich sehe mein Werk als vollendet an!
Ich erhebe mich von dem tot wirkenden Fleischhaufen, richte mich zu meiner vollen Größe auf, recke die Armen in den Himmel und schreie lauthals: “Seht was ihr angerichtet habt! Unternehmt doch was, dieser Mann liegt im Sterben! Seht ihr nicht was ich angerichtet habe? So haltet mich doch auf!”

  14 Responses to “Hauste rein”

Comments (14)
  1. Ganz schön seltsame Geschichte. Aber mir gehts häufig genauso. Deshalb fand ich meinen Trip nach Peking damals so toll. Die Menschen strahlen eine Ruhe und Freundlichkeit aus, wovon hier scheinbar noch nie jemand gehört hat.
    In Berlin steht jemand heulend in der Bahn, aber alle gucken weg, weils peinlich ist. Statt man einach mal hingeht und fragt, ob man helfen kann. Total deprimierend. :/
    Naja. Noch ein Grund auszuwandern, nicht war?

    • Also auswandern will ich auf keinen Fall. Ich liebe Berlin! :D
      Wollte auch einfach mal was verstörendes schreiben und fand die Situation ganz passend…

  2. wat´n Schwachsinn. Ist psychologisch völlig normal neutral zu gucken und leute nicht anzugrinsen oder sonstwie zu belästigen auf der straße. fände ich auch ziemlich dämlich, wenn es anders wäre, denn ich will meine Ruhe. Wenn man UNBEDINGT kontakt aufnehmen will, kann man das ja gerne tun, habe auchscho nnette bahnhaltestellengespräche geführt.

    Aber “Diese fadenscheinig ausdruckslosen Gesichter schreien mit ihren abwesenden Blicken förmlich nach Aufmerksamkeit.” ist doch nur gequirlte Depri-Kacke :D

    • Deine Meinung und die sei dir gern gegönnt! ;)
      Bedenke aber, dass ich so natürlich nicht denke, sondern einen fiktiven Charakter in einer fiktiven Situation erdacht habe.

  3. Eine FSK-18 Vorwarnung wäre hier angebracht gewesen!
    Mein schwaches Gemüt ist nun erschüttert von deinem Erlebten.

    Ich werd’ mal bei der Polizei vorbei fahren und der davon berichten, wenn ich denn überhaupt Zeit dafür habe, mich noch daran erinnern sollte & es mir noch als nötig erscheint.

  4. diese ausdruckslosen Gesichter, voller Leere, wie sie jeden von uns schon bedrückt haben, verstimmt haben, sind doch nichts weiter als die reinste Wohltat. Erleichtern die Selektion, voller Ehrlichkeit, voll des reinen, unverklärten Ausdrucks.

    (Das ist nett, wenn auch etwas unbeholfen, hie und da)

  5. Rechtschreibkorrekturen:
    Es wir[d] gerempelt
    hergeben[,] und wenn ein [A]nderer mal zu langsam
    Arschlöscher => Arschlö[]cher
    Glauben die wirklich[,] das[s] einer allein

    Inhaltlich sieht es nach einer kräftigen Mischung aus angestauter Wut und einer Prise Gewaltphantasie aus, die jedoch mit einer ziemlich großen Moralkeule gewürzt ist, was leicht nach einer Rachelustsuppe eines Opfers schmeckt…

    • Danke, Fehler berichtigt, abgesehen von dem Komma vor dem “und”. Das ist optional und sieht meiner Meinung nach dumm aus.

      Dein kleines Rezept passt schon ganz gut, nur würde ich mich nicht als direktes Opfer sehen. Eher passives!

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