Am besten beginnt man gleich im Krankenhaus, da hat die Farbe Weiß einen gewissen Sinn: die kleinen, weißen Multifunktions-Wägelchen neben den weiß bespannten Betten in weiß lackierten Dreibettzimmern. Die Kranken in hellen Pyjamas. Die Krankenschwestern, die Ärzte in weißen Kitteln, sie signalisieren: Ja, wir verrichten zwar ein blutiges Handwerk, aber wir machen es aseptisch, klinisch, rein. Ist die Welt noch schön? Sie ist es nicht. Sie ist ein einziges großes Krankenhaus geworden. Wahrscheinlich haben wir uns fast an die Farbe Weiß gewöhnt, die alles dominiert, an die hell erleuchteten Einkaufscenter, an unsere weißen Bücherregale, an weiße Haushaltselektronik, an die weißen Büros in flach hierarchisierten Unternehmen.
Die Farbe Weiß kam zunächst als ästhetisches Distinktionsmerkmal von Töchtern und Söhnen aus der Provinz auf, die sich nach Berlin oder Köln verirrt hatten, endlich entronnen den dunkelbraunen Wohnzimmertischen, den schweren Teppichen ihrer Eltern, der verqualmten Stammtischgemütlichkeit der freiwilligen Feuerwehr. Die Töchter und Söhne tippten auf weißen Apple-Notebooks auf weißen Tischen in weißen Cafes, und sie atmeten auf, als kürzlich überall Nichtraucherschildchen angebracht wurden. Jetzt endlich konnten sie ihren biomöhrenbreigesättigten Nachwuchs an der Helligkeit ihres Freelancer-Daseins teilhaben lassen, an der Apothekisierung der Welt.
Das hat sich ein wenig ausgebreitet. Kein Kaffee mehr wird getrunken, in dem nicht so viel Milch eingerührt ist, dass er bei all dem Milchschaum nicht mehr als solcher identifizierbar ist. Alles ist wahnsinnig hell, “freundlich” würde im Einrichtungsprospekt stehen, und der Satz würde folgen: “Weiß reflektiert das Sonnenlicht und lässt uns strahlend aussehen.”
Das Gegenteil ist wahr. Weiß ist der Terror, die Helligkeit unser Feind: Jeder menschliche Makel ist ausgeleuchtet, jede unreine Pore noch unreiner, jeder Schmutzfleck auf unserem Hemd noch schmutziger, jedes unausgeschlafene Gesicht noch unausgeschlafener im Schein des Lichts, das die Farbe Weiß reflektiert. Kann ja stimmen, was behauptet wurde: dass nach dem Wegfall all der Ideologien des vergangenen Jahrhunderts nur noch die Ästhetik als Sinngenerator überlebt hat. Aber welch eine grausame!
Zunächst dachte man noch, die Farbe Weiß sei die Farbe der Exzentriker, der Trendsetter oder wie man Leute nennt, die glauben, immer einen Schritt voraus zu sein: An der White Bar im Berlin-Mitte-Club Bangaluu gibt es keinen Rückzugsraum, keine dunklen Ecken. Stattdessen: eine weiße Treppe, auf die man sich setzen kann, weißes Licht, das durch einen Vorhang schimmert, einen weißen Tresen. Im an sich doch recht behaglichen Frankfurt am Main steht ein Nobelhotel namens The Pure. Es ist völlig weiß gestaltet. Wer jemals an eine derart klinische Rezeption getreten ist, wird (um eine Wendung des Schriftstellers Max Goldt aufzugreifen) neidisch auf Stevie Wonder. Und das nicht wegen seiner schönen Stimme. (Ganz nebenbei: Der Redakteur, der an diesem Artikel schreibt, bekommt gerade einen Brief auf den Tisch gelegt. Von der Firma Weiß in weiß. Sie würde gerne einmal mit ihren Produkten erwähnt werden. Wird gemacht! Weiß in weiß ist der “Online-Shop für Ästheten”: www.weissinweiss.de. Die weiße Giraffe Lea wird verkauft, aber auch eine weiße Klobürste. “Von der dänischen Kultmarke VIPP sieht sogar eine WC-Bürste traumhaft schön aus”. Steht daneben. In weißen Lettern. Schreiben Sie jetzt bitte keinen Leserbrief, in dem steht, das sei Produktwerbung.)
Man könnte noch allerhand weiße Bars und Produkte extravaganter Machart beschreiben. Nur ein Beispiel sei noch erwähnt, weil es ganz tief in unsere medial vermittelte Wirklichkeit eingreift. Auch vor dem Berliner ZEIT-Büro gibt es seit einiger Zeit ein kleines, weißes Nichtrauchercafe, in dem Salatteller gereicht werden, damit die Redakteure schlank bleiben oder es wieder werden. Schlankheit und weiße Umgebung gehören zusammen. Man muss nämlich gut aussehen oder sehr selbstbewusst sein, um sich in ausgeleuchteter Umgebung behaglich zu fühlen.
Wie die Dinge uns heute überfordern. Die Glätte gläserner Aufzüge, minimalistischer Lounges, weißer Bars ist unsterblich und perfekt, wir selbst aber sind das alte, schwitzende Menschengeschlecht. Und werden es bleiben, wie weiß es um uns auch wird.
Die Farbe Weiß ist vom Rand- zum Massenphänomen avanciert. Sie ist bei Tchibo und Ikea und in der Autobranche angekommen, was eine flächendeckende Verbreitung befürchten lässt. Tchibo startete jüngst eine Weiß-Kampagne, “weiße Sideboards”, etwas klobige “weiße XXL-Sessel” wurden verkauft. Und dem weißen Billy-Regal von Ikea haben sich einige unheilvolle Geschwister hinzugesellt: die strahlenden Besta-TV-Möbel, das weiße Schubladenelement Helmar auf Rädern, die weiße Schreibtischplatte Vika Gruvan mit gläsernem Überbau. In den Hohlraum zwischen weißer Spanplatte und Glas darf man Postkarten oder Notizen stecken, damit sie möglichst schnell ausbleichen. Auch die Autos werden weiß. In einer Pariser Autoshow im Frühjahr waren die Neuvorstellungen, der Lexus LS 600, der Audi TT, der Volvo C30, weiß lackiert. Die Präsentation ignorierte durchaus nicht die Kundenwünsche. Seit zwei Jahren legt Weiß bei den Neuzulassungen deutlich zu.
Warum nur begehren alle diese Farbe? Die doch streng genommen (wie man aus dem Physikunterricht weiß) gar keine ist. Haben wir keinen Mut mehr für eindeutige Botschaften? Für Rot wie Liebe! Oder für Grün, die Hoffnung! Weiß neutralisiert alles, ist Mangel an Ausdruck, der heute gerne Pragmatismus genannt wird. Doch jeder, der jemals eine weiße Jeans oder einen weißen Anzug anprobiert hat, weiß, dass diese Farbe nur Göttern und Engeln steht: Zeus hatte den Beinamen Leukaios – der Weiße, der Strahlende. Mit weißen Gewändern werden die Menschen einst vor Gott treten, heißt es im Neuen Testament. Die mariengleiche Jungfräulichkeit ist ein weißes Laken. Weiße Rinder sind den Hindus heilig, weiße Elefanten den Thailändern, Christus ist das weiße Lamm.
Nur wir, die Menschen, werden seit unserem Sündenfall der Farbe Weiß niemals gerecht. So ist das mit der Dialektik, der traurigen: Je weißer, je heller es wird, umso schmutziger ist unser Antlitz. Es möge also wieder dunkel werden auf Erden. Wie in der Hölle. Es wäre der Himmel.
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Da hat sich aber einer Mühe gegeben…
Hast du was gegen die Farbe Weiß?
Ich denke, einen ähnlich langen Artikel könntest du auch über die Farbe Pink & Schwarz schreiben.
…aber danke, wieder was dazu gelernt.
Und interessante Ansichten…
und auch wenn weiß uns unvorteilhaft wirken lässt, ist es trend, es ist chic und elegant. vielleicht wird das auch zum statussymbol? schau her meine wohnung ist rein in weiß, ich hab geld, nichts sieht aus wie auf dem land. man weiß es nicht, aber eins muss ich dir sagen^^ krankenhäuser sind nicht mehr so weiß! es gibt viele Stationen die in warmen farben gestrichen sind, das letzte mal hab ich eine im warmen gelb gesehen, aber im krankenhaus ist die farbe insofern wichtig, da sie neutral ist.
aber interessante gedankengänge an denen du uns teilhabenlässt^^
Nur muss ich gestehen, dass dieser Artikel gar nicht von mir ist! ;-P
Was aber eigentlich an den großen Anführungszeichen am Anfang und am Ende hätte zu erkennen sein sollen…
auf sowas achte ich nicht O.o okay.. absofort wird auch darauf geachtet
Da hat sich aber einer Mühe gegeben…
Hast du was gegen die Farbe Weiß?
Ich denke, einen ähnlich langen Artikel könntest du auch über die Farbe Pink & Schwarz schreiben.
…aber danke, wieder was dazu gelernt.